EU AI Act Art. 4: der AI-Papiertiger

Stand: 6. Juli 2026

Die Schulungspflicht aus Art. 4 gilt seit Februar 2025, ab dem 2. August 2026 schauen die Aufsichtsbehörden hin – und die EU hat die Pflicht soeben entschärft. Wer euch jetzt noch Zertifikats-Panik verkauft, hat die Verordnung nicht gelesen. Die Pflicht aus Art. 4 ist eure kleinste Sorge; die verpasste Produktivität ist die größere. Was wirklich zu tun ist, passt auf eine Seite.

Was gilt

Art. 4 der KI-Verordnung verpflichtet Anbieter und Betreiber von KI-Systemen – also praktisch jede Firma, deren Leute mit ChatGPT, Copilot oder einem Firmen-GPT arbeiten. Gefordert sind Maßnahmen, die "nach besten Kräften" ein "ausreichendes Maß an KI-Kompetenz" sicherstellen. Entscheidend: abgestimmt auf Vorwissen, Rolle und Einsatzkontext der Mitarbeiter:innen. Ein Produktteam mit AI-Werkzeugen im Alltag braucht etwas anderes als die Buchhaltung, die gelegentlich einen Text zusammenfassen lässt.

Die Pflicht gilt eigentlich schon seit dem 2. Februar 2025. Ab dem 2. August 2026 allerdings sind die nationalen Marktaufsichtsbehörden zuständig und können Verstöße verfolgen. In Deutschland soll die Bundesnetzagentur diese Rolle übernehmen – das Gesetz, das Zuständigkeit und Bußgelder hierzulande festlegt, ist aber noch nicht verabschiedet. Bis dahin gibt es schlicht niemanden, der kontrolliert.

Gerade entschärft: der Digital Omnibus

Im Juni 2026 haben das EU-Parlament (16.06.) und der Rat der EU (29.06.) das Vereinfachungspaket zum AI Act gebilligt. Für Art. 4 heißt das: Aus "sicherstellen" wird "die Entwicklung von KI-Kompetenz unterstützen" – eine Bemühenspflicht mit verhältnismäßigen Maßnahmen statt einer Erfolgspflicht mit messbarem Niveau. Die Veröffentlichung im Amtsblatt wird noch im Juli erwartet, vor dem Aufsichtsstart.

Die Richtung ist damit klar: Die EU will Augenmaß, keine Zertifikats-Industrie. Ein Freifahrtschein ist es trotzdem nicht – wer gar nichts tut, kann auch eine Bemühenspflicht verletzen.

Was nicht gefordert ist

Die Kommission stellt in ihren FAQ selbst klar, was Art. 4 nicht verlangt:

  • Kein Zertifikat, kein Pflicht-Test. Die Kommission lehnt starre Anforderungen ausdrücklich ab.
  • Kein KI-Beauftragter und keine vorgeschriebene Schulungsform.
  • Kein generischer "KI-Führerschein" für alle. Genau daran scheitert das Produkt sogar: Die Pflicht ist rollen- und systemspezifisch. Ein Einheitskurs, der für Vertrieb, Entwicklung und HR identisch ist, erfüllt das Kriterium "abgestimmt auf Kontext und Rolle" gerade nicht.

Worauf ihr achten müsst

Vier Dinge, die eine Aufsicht sehen will und die euch unabhängig davon produktiver machen:

  1. KI-Inventar. Welche Systeme sind bei euch im Einsatz, offiziell und inoffiziell? Ohne diese Liste ist alles Weitere Raten.
  2. Rollen-Matrix. Wer nutzt welches System in welchem Kontext, und was muss die Person dafür können? Das ist der Kern von Art. 4, und eine Seite reicht.
  3. Passende Befähigung je Rolle. Kein Einheitskurs: Produktleute lernen an ihren Produkt-Aufgaben, Support an seinen Tickets. Im Alltag verankert wirkt eine Stunde mehr als ein Schulungstag auf Vorrat.
  4. Dokumentation. Maßnahmen, Teilnahmen, interne Nutzungsregeln, Aktualisierung bei neuen Tools. Der Nachweis ist das, was im Ernstfall zählt.

Das Risiko, nüchtern

Art. 4 taucht im Bußgeldkatalog der Verordnung (Art. 99) nicht als eigener Tatbestand auf. Sanktionen regeln die Mitgliedstaaten, sie müssen verhältnismäßig sein. Realistisch wird fehlende KI-Kompetenz dann teuer, wenn etwas passiert: Ein Vorfall mit einem KI-System plus nachweislich keine Befähigung der Beteiligten ist eine schlechte Ausgangslage – gegenüber Aufsicht, Gerichten und Kunden.

Der bessere Grund, es anzugehen, steht ohnehin woanders: Laut BCG sparen regelmäßige AI-Nutzer bereits heute einen Arbeitstag pro Woche – aber zwei Drittel der Beschäftigten bekommen keine Orientierung, was sie damit anfangen sollen.

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Quellen

Dieser Leitfaden ist keine Rechtsberatung. Für die rechtliche Bewertung eures Einzelfalls sprecht mit einer Kanzlei; für die praktische Umsetzung der Befähigung sprecht mit mir.