Das volle Potential von AI nutzen - nicht nur chatten

Für alle, die AI bisher nur zum Fragen-Stellen nutzen und mehr wollen.

Die Alte Welt: ChatGPT im Browser

Meine Güte, was war das für eine Freude, als ChatGPT rauskam: wir stellen eine Frage, bekommen eine Antwort, stellen noch mehr Fragen, noch mehr Antworten, und am Schluss haben wir etwas Brauchbares und machen manuell was damit. Das hat sich so cool angefühlt! Bis zu dem Moment vor ein paar Wochen, als ich mit ChatGPT versucht habe, Fehler auf meiner neuen Webseite zu finden und beheben. Das hat nämlich so was von gar nicht funktioniert - ein absolut haarsträubendes, nervtötendes Hin & Her, und Stunden später war die Webseite immer noch kaputt. Eine Freundin meinte dann "probier doch mal Claude aus", und das habe ich. Und es hat mich so von den Socken gehauen, dass ich jetzt drüber schreiben muss. Es ist nämlich eine komplett andere, faszinierende Welt der schier unbegrenzten Möglichkeiten, ganz und gar unglaublich.

Die faszinierende neue Welt

Der große Unterschied zum "die AI im Chat was fragen" ist: plötzlich arbeitet die AI für Dich! Du gibst ihr genügend Input, und schon versteht sie deine Welt und kann Dich tatsächlich persönlich beraten. Ach was, beraten: das ist genau der Unterschied! Wenn du deine AI richtig verwendest, dann berät sie nicht nur, sie tut wirklich was für dich - sie baut dir Dokumente, sie schreibt Code, sie füllt für dich Formulare im Internet aus, sie bucht dir einen Meetingraum. Sie verhält sich immer mehr wie ein virtueller Mitarbeiter, dem man auch mal eine Aufgabe zuschieben kann, die dann einfach erledigt wird. Und: sie hört auf, ständig alles zu vergessen, sondern merkt sich Dinge dauerhaft. (Wer will schon einen Mitarbeiter haben, der zwar suuuuuper freundlich ist, aber jeden Morgen aufs Neue komplett ahnungslos im Büro aufschlägt).

Anthropic, die Firma hinter Claude, hat kürzlich 2 Millionen AI-Gespräche analysiert [1]. Ergebnis: Nur ein Bruchteil der Leute nutzt das, was AI tatsächlich kann. Die Lücke zwischen Realität und Potential ist riesig, selbst bei Software-Entwicklern. (An dieser Stelle vernachlässigen wir ganz nonchalant, dass Anthropic selbstverständlich großes Interesse daran hat, das Potential von AI als unendlich darzustellen). Es passt aber zu dem Ergebnis einer halbwegs aktuellen Gallup-Studie [2], die herausgefunden hat, dass 61% der AI-Nutzer nur Chatbots verwenden und nur 10% täglich.

Anthropic-Studie: Theoretisches AI-Potential vs. tatsächliche Nutzung nach Berufsgruppen
Die Lücke zwischen AI-Potential (blau) und tatsächlicher Nutzung (rot) ist in fast allen Berufsgruppen riesig. Quelle: Anthropic Economic Index, Jan. 2026

In diesem Artikel zeige ich dir, wie Du ganz einfach in diese neue, faszinierende Welt eintauchen kannst. Es geht erstaunlich schnell, untechnisch und vor allem: kostenlos. Also - Ärmel hochkrempeln und los geht's.

Video: Claude Desktop einrichten

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Erstmal: Claude einrichten

Ich nutze als AI Claude von Anthropic. Das ist momentan einfach (meiner Meinung nach) das mit Abstand Beste, was man kriegen kann. Warum, sehen wir gleich. Jetzt erst mal runterladen.

So geht's:

  1. Geh auf claude.ai, leg einen Account an (Google, E-Mail oder Apple-ID)
  2. Lad die Desktop-App runter: claude.ai/download
  3. Installieren, öffnen, einloggen

Das war's. Du hast jetzt Zugang zum kostenlosen Modell von Claude, das Sonnet heißt. Das reicht locker für alles, was wir hier machen. In der Bezahlversion kannst Du mit dem Modell Opus arbeiten, das nochmal ein gutes Stück mehr Spaß macht. Als Show Case für diese neue faszinierende Welt wählen wir das Vehikel einer ... (drum roll) Reise-App!

Das Beispiel: Du bist Product Owner einer Reise-App

Stell dir vor, du bist PO von TripBuddy - einer App für Leute zwischen 25 und 40, die ihre Reisen individuell planen. 50.000 aktive Nutzer, Freemium-Modell, kleines Entwicklerteam. Deine Stakeholder haben Dich mit mehr Feature-Anfragen überschüttet als Du Zeit hast (wer kennt das nicht). Du entscheidest für Dich, dass eine interaktive "Feature Score Card" das Instrument der Stunde ist, mit dem du deinen Stakeholdern gegenüber argumentieren kannst, warum ihre Features drin sind, oder eben nicht. Ein paar Parameter legst du selbst fest, ein paar Parameter könnte man aus den kürzlich durchgeführten Interviews mit Nutzer:innen rausziehen.

Daran könntest du jetzt locker ein paar Stunden sitzen. Aber zum Glück hast du Claude.

Du kannst jetzt entweder der Anleitung folgen, oder im Video sehen, wie ich alles Schritt für Schritt durchgehe.

Schritt 1: Leg ein Projekt an und gib Claude Kontext

In der Seitenleiste findest du "Projekte". Klicke drauf, mache ein "Neues Projekt" und fülle die beiden Felder aus:

  • Projektname: "TripBuddy Produktplanung"
  • Projektziele und Thema: "Feature-Priorisierung fürs nächste Release, basierend auf Nutzerinterviews und Stakeholder-Anforderungen"

Wenn das Projekt angelegt ist, siehst du drei Bereiche: Anweisungen, Dateien und Speicher. Fangen wir mit den Anweisungen an - hier gibst du Claude dein Produkt-Briefing:

Ich bin Product Owner von TripBuddy, einer Reise-App für 25-40-Jährige, die individuell reisen (keine Pauschalurlauber). 50.000 aktive Nutzer, Freemium-Modell (Basis kostenlos, Premium 4,99€/Monat). Kleines Team: 3 Entwickler. Nächstes Release in 8 Wochen.

Unsere Zusammenarbeit: Wenn ich dich um eine Einschätzung oder Priorisierung bitte: triff keine Entscheidungen alleine. Frag mich nach meinen Kriterien und Gewichtungen, bevor du loslegst. Wir diskutieren erst, dann entscheidest du.

Ab jetzt weiß Claude bei jeder Frage in diesem Projekt, wovon du redest, wie es sich verhalten soll, was zu tun ist. Du musst nie wieder erklären, was TripBuddy ist, wer die Zielgruppe ist, oder wie Du gerne zusammenarbeitest. Das ist, als würdest du einem neuen Kollegen einmal alles erklären - und er vergisst es danach nicht mehr.

Schritt 2: Lade deine Daten hoch

Ziehe die Interviews per Drag & Drop in den Dateien-Bereich deines Projekts. (Hier kannst du die Beispiel-Interviews herunterladen, wenn du mitmachen willst.) Dann schreibe:

Das sind Nutzerinterviews der letzten Woche. Was sind die wiederkehrenden Painpoints? Und welche Feature-Wünsche kommen am häufigsten vor?

Claude liest alles. Nicht die erste Seite und dann eine generische Zusammenfassung - alles. Und gibt dir eine Auswertung, die auf dem basiert, was deine Nutzer tatsächlich gesagt haben.

Vielleicht merkst du: Die Offline-Karten, die seit Monaten im Backlog gammeln, wurden in vier von fünf Interviews erwähnt. Den Budget-Tracker, den dein Stakeholder unbedingt will, mag von deinen Usern keiner.

Schritt 3: Priorisiere - mit Claude als Sparringspartner

Jetzt hast du die Interview-Insights. Und du hast deine Feature-Liste:

Hier sind unsere Feature-Requests: Offline-Karten, KI-Reisevorschläge, Gruppenreise-Planung, Flugbuchung-Integration, Local-Bewertungen, Budget-Tracker, automatische Packliste, Foto-Tagebuch. Hilf mir, die fürs nächste Release zu priorisieren - auf Basis der Interview-Ergebnisse und unserer Constraints.

Claude kennt dein Produkt (Project Instructions). Claude kennt die Nutzerstimmen (Interviews). Claude weiß, dass du 3 Devs und 8 Wochen hast.

Und jetzt passiert etwas, das sich nicht mehr nach "Chatbot" anfühlt: Claude fragt zurück. "Nach welchen Kriterien soll ich gewichten - Nutzer-Impact, Umsatzpotential, Entwicklungsaufwand, strategische Passung? Oder hast du andere?"

Ihr diskutiert. Wie mit einem Kollegen, der mitdenkt.

Schritt 4: "Visualisiere das für mich"

Wenn die Priorisierung steht, sag:

Bau mir daraus eine interaktive Scorecard. Mit Schiebereglern, damit ich die Gewichtung der Kriterien anpassen kann.

Claude baut dir ein funktionierendes Tool. Wenn Du nichts weiter erwähnst, dann direkt im Chat. Wenn Du sagst "so, dass ich's meinen Stakeholdern geben kann", dann macht es Dir eine interaktive HTML-Datei draus. Farbkodiert, Schieberegler für die Gewichtung, Features sortieren sich automatisch um wenn du an den Reglern drehst. Kein Excel, kein Copy-Paste - ein interaktives Tool, out of the box. Unglaublich!

Schritt 5: "Merk dir das"

Die Kriterien und Gewichtungen sind gut. Merk dir die für nächstes Mal.

Hier kommt der dritte Bereich ins Spiel: der Speicher. Claude legt die Kriterien und Gewichtungen dort ab. Nächsten Monat, neue Features, gleiche Methode - ohne nochmal bei Null anzufangen. Dein Projekt hat jetzt ein Gedächtnis. Du kannst ihm als Kontext beispielsweise anschließend noch das Feedback Deiner Stakeholder mitgeben, damit es lernt, was klappt und was nicht.

Und weil du morgen ein Stakeholder-Meeting hast:

Mach mir aus der Priorisierung eine Powerpoint Zusammenfassung für meine Stakeholder.

Fertig. Claude kennt den Kontext, die Daten, die Entscheidung. Der Report schreibt sich fast von selbst.

Was gerade passiert ist

Du hast in einer Session:

  • Claude beigebracht, was dein Produkt ist
  • 15 Seiten Interviews auswerten lassen
  • Features priorisiert - im Dialog, nicht allein
  • Ein interaktives Tool gebaut bekommen
  • Dafür gesorgt, dass Claude sich nächstes Mal noch erinnert
  • Einen Stakeholder-Report mitgenommen

Das ist kein Chat mehr. Das ist Zusammenarbeit.

Und das ist erst Level 1. Claude kann noch deutlich mehr - eigenständig in deinen Dateien arbeiten, mehrstufige Aufgaben alleine durchackern, Ergebnisse produzieren während du Kaffee holst. Anthropic nennt das CoWork, und es verändert grundlegend, wie du mit AI zusammenarbeitest.

Dazu mehr im nächsten Artikel: Die 4 Level der AI-Nutzung →

Quellen

  1. Anthropic Economic Index - anthropic.com - Januar 2026
  2. Gallup: "AI Use at Work Rises" - gallup.com - Q3 2025
Sebastian Heglmeier

Certified Scrum Trainer und AI-Trainer für Product Owner. In meinem AI-Powered Product Owner Training zeige ich, wie du AI systematisch in deine Produktarbeit einbaust - pragmatisch und hands-on.

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